Paare kommen meistens zu uns in die Beratung mit unlösbar erscheinenden und oft langjährigen Konflikten. Sie wollen Klarheit, ob und wie es zu zweit weitergehen kann. Dazu haben wir eine besondere Form der Paarberatung entwickelt.
In unserer 2-tägigen Intensiv-Paarberatung, die aus 4 Sitzungen à 2 Stunden besteht, führen wir das Paar durch einen strukturierten Problemklärungs- und Lösungsprozess. Dabei arbeiten wir mit Elementen der Verhaltenstherapie, Schematherapie, Transaktionsanalyse, Gewaltfreien Kommunikation sowie der Erlebten Beratung nach Michael Mary.
Die Grundstruktur der Beratung
Am ersten Tag erkennt das Paar zunächst die tiefer liegenden und meist unbewussten Konfliktursachen. Diese Ursachen auf beiden Seiten der Partner herauszuarbeiten, ist zentral für eine erfolgreiche Bewältigung der Beziehungskrise. Dazu findet die zweite Sitzung als Einzelsitzung statt, das heißt, beide Partner kommen nacheinander für eine Stunde zu uns.
Am zweiten Tag geht es zum einen darum, die immer wiederkehrende negative Beziehungsdynamik genau zu verstehen und dabei auch einen anderen Blick auf den Partner zu gewinnen. Zum anderen übt das Paar dann anhand von ganz realen Themen und Anliegen, wie es besser miteinander reden und auch bei unterschiedlichen Positionen in einer wertschätzenden Verbindung bleiben kann.
So hat das Paar am Ende der Beratung eine große Klarheit, wo der Kern des Beziehungsproblems wirklich liegt, was jeder der Partner dazu beigetragen hat, und worauf jeder besonders achten muss, damit es wieder ein besseres Miteinander gibt und sich beide Partner in der Beziehung wohl fühlen.
Die zentralen Annahmen unserer Intensiv-Paarberatung:
Damit Sie unsere Intensiv-Paarberatung besser verstehen, stellen wir Ihnen im Folgenden näher dar, was aus unserer Sicht eine Paarkrise ausmacht und wie man sie nachhaltig überwinden kann.
1) Das Problem ist die bisher bestmögliche Lösung.
2) Jeder Mensch hat eine Vielzahl von Persönlichkeitsteilen, die alle im Kern versuchen, grundlegende menschliche Bedürfnisse zu erfüllen.
3) Die Verlangsamung und Bewusstmachung unbewusster Denk- und Verhaltensmuser sorgt schnell für neue Erkenntnisse.
4) Veränderung geschieht nicht durch Ratschläge von außen, sondern wenn ein Persönlichkeitsteil da ist, der die erwünschten Handlungen vollziehen kann.
5) Ein Paarkonflikt ist letztlich immer ein innerer Konflikt.
Ein Praxisbeispiel:
Anna und Peter sind seit 6 Jahren zusammen. In der Beratung klagt Anna, dass Peter sich immer mehr zurückzieht und sie kaum noch Zeit gemeinsam verbringen. Peter sagt, er brauche halt Zeit für die Dinge, die nur ihm wichtig sind. Beide geraten darüber immer wieder in teils heftige Streitereien. Sie kommen in die Beratung, weil sie zwar einerseits zusammen bleiben möchten, andererseits aber so keine gemeinsame Zukunft sehen.
Nachdem beide ihre Sichtweise des Konflikts geschildert haben, bitten wir sie, aufzustehen und eine Position zu finden, die ihr momentanes Mit- bzw. Gegeneinander in einer Körperhaltung ausdrückt. Schnell finden beide zu einer stimmigen Konstellation. Peter steht dabei mit vor der Brust verschränkten Armen etwa einen Meter von Anna entfernt, während Anna beide Arme offen in Peters Richtung hält, den Oberkörper etwas nach vorne gebeugt und den Kopf leicht nach vorne gezogen.
Gemeinsam erforschen wir nun, WER sich denn dort jetzt gegenübersteht. Schließlich finden beide zu einer treffenden Bezeichnung: der „Sichere“ und die „Nähe-Fordernde“. Wir fragen den „Sicheren“, warum es denn so wichtig ist, „sicher“ zu sein. Ohne zu zögern kommt die Antwort: „Sonst kann ich nicht machen, was ich will!“ Dabei wird Peters Haltung noch starrer.
Nach einigem Erforschen der Persönlichkeitsteile “Sicherer” und “Nähe-Fordernde” bitten wir beide, sich zu setzen und wieder als „Peter“ und „Anna“ zu sprechen. Wir fragen Peter: „Was ist so schlimm daran, nicht tun zu können, was Sie wollen?“ – „Dann hätte ich das Gefühl, überhaupt nicht wichtig zu sein. Gegenüber Anna habe ich das Gefühl, mich ständig unterordnen zu müssen. Aber ich will auch meine Meinung sagen dürfen.“ Dabei wird seine Stimme leiser, der Körper entspannt sich und die Augen werden etwas glasig.
Anna reagiert auf diese Selbstoffenbarung von Peter überrascht. Sie sagt, dass sie doch nur gerne mit ihm gemeinsame Zeit verbringen möchte und es nicht ihr Anliegen sei, immer zu bestimmen, was gemacht wird. Sie habe gedacht, wenn sie nichts initiiere, würden sie gar nichts gemeinsam machen und nur noch nebeneinander her leben. Auch ihr Körper wirkt entspannter und die Gesichtszüge werden weicher.
Wieder fragen wir die beiden, WER sich denn da jetzt gegenübersteht. Auch hier finden beide schnell einen stimmigen Begriff: der “Selbstbestimmte” und die “Verbindung-Genießende”.
Nach einem weiteren kurzen Austausch fühlen Anna und Peter zum ersten Mal seit langer Zeit wieder eine echte Verbindung zueinander.
Diese verdichtete Darstellung macht den Prozess und die genannten Annahmen unserer Arbeit deutlich:
1. Das Problem ist die bisher bestmögliche Lösung.
Gewöhnlich sehen wir die Ist-Konstellation des Paares als das Problem an. Deswegen kommt das Paar in die Beratung und will es lösen oder loswerden. Dabei wird übersehen, dass das Verhalten beider Seiten die bisher bestmögliche Lösung für ein vorher entstandenes Problem ist. Das ursprüngliche Problem war der „Unsichere“ (oder der „Harmonische“), also der Teil in Peter, der nicht klar seine Meinung äußern und sich abgrenzen konnte. Wichtig ist dabei, dass dieser Teil nicht im Büro oder mit Freunden vorhanden sein muss, sondern oft nur in einer bestimmten Umgebung – hier in der Beziehung – auftritt. Die Lösung war nun der „Sichere“, der „Sich-Zurückziehende“.
Durch die Nachfrage „Was ist so schlimm daran sich unterzuordnen?“ wurde Peter aber schnell bewusst, dass es einen Teil in ihm gibt, der sich selbstbewusst und ohne Angst gegenüber Anna mitteilen möchte, der gerne einen Austausch über gemeinsame Aktivitäten, über Einkäufe für die Wohnung etc. auf Augenhöhe möchte und dem es nicht primär um eine Abschottung zur Durchsetzung eigener Interessen geht.
Man könnte sagen, dass aus der unechten nun eine echte Lösungsfigur wird: nämlich der „Selbstbestimmte“ oder der „Klare“. Und auch bei Anna kommt ‚eine Andere’ zum Vorschein: die „Verbindung-Genießende“ oder die „Weiche“.
2. Jeder Mensch hat eine Vielzahl von Persönlichkeitsteilen, die alle im Kern versuchen, grundlegende menschliche Bedürfnisse zu erfüllen.
Der Mensch ist psychisch keine monolithische Einheit. Je nach Situation treten bestimmte Aspekte unserer Persönlichkeit in den Vordergrund, z. B. der „Fürsorgliche“, die „Kämpferin“, der „Egoistische“ oder die „Verständnisvolle“. Sie alle haben im Sinn, allgemeine menschliche Bedürfnisse wie materielle Sicherheit, Zugehörigkeit, Wertschätzung, Selbstbestimmung und Teilhabe für uns zu erfüllen.
Allerdings sind dabei bestimmte Persönlichkeitsteile geschickter als andere, um diese Bedürfnisse zu erfüllen. Allgemein kann man sagen, dass Teile, durch die ich mich getrieben fühle oder ein körperliches Empfinden von Verhärtung, Verschließen und Durchhalten-Müssen habe – wie Peter mit seinem Rückzug –, nicht wirklich für meine Bedürfnisse sorgen.
Diese Teile schützen mich zwar vor dem Gefühl der Verletzlichkeit, aber damit schneiden sie mich auch vom direkten Kontakt zu Bedürfnissen wie Zugehörigkeit und Autonomie ab. Erst wenn ich mit Teilen in mir in Verbindung bin, die ein inneres Erleben von Entspannung, Weichheit und Klarheit auslösen, bin ich wirklich bei einem zentralen Bedürfnis von mir angekommen – und kann von dort auch die Bedürfnisse des anderen fühlend verstehen.
Zur Orientierung dient folgende Faustregel: Von hart zu weich, von unklar zu klar, von selbstzweifelnd zu selbstbewusst.
3. Die Verlangsamung und Bewusstmachung unbewusster Denk- und Verhaltensmuster sorgt schnell für neue Erkenntnisse.
Neben dem Gespräch verlangsamen und vertiefen wir häufiger ganz bewusst das Erleben beider Partner. Dadurch werden für in sehr kurzer Zeit Gedanken, Gefühle, Wünsche und Interaktionsmuster be-greifbar, die den Partnern vorher nicht oder nur teilweise bewusst waren. Dabei kommt wie von selbst zu der gefühlten Erkenntnis: „Das ist ja verrückt, was ich da mache. So erreiche ich nie, was ich eigentlich möchte.“ Oder: „Mensch, unglaublich, wie wir uns da gegenseitig das Leben schwer machen.“
Aus dem Begreifen, worum es jedem der Partner eigentlich geht – nämlich einem universellen menschlichen Bedürfnis – sowie dem Erleben des ungeschickten Verhaltens, entstehen dann organisch die echten Lösungsfiguren. Außerdem entsteht wieder eine Verbindung der Partner von Herz zu Herz oder zumindest eine Haltung echten Respekts vor dem, was den anderen im Innersten bewegt.
4. Veränderung geschieht nicht durch Ratschläge von außen, sondern wenn ein Persönlichkeitsteil da ist, der die erwünschten Handlungen vollziehen kann.
Unzählige Selbsthilfe-Bücher für Paare sagen uns, wie wir uns verhalten sollen: offen, verständnisvoll, dem anderen zuhören, Ich-Botschaften verwenden etc. All das ist den meisten Paaren bekannt, aber diese – in sich richtigen – Ratschläge helfen ihnen in einer konkreten Konfliktsituation ganz selten weiter. Warum? Weil die üblichen Fragen wie „Was soll ich tun?“ oder „Wie soll ich mich verhalten?“ die falschen Fragen sind. Die zentrale Frage lautet vielmehr: „WER in mir ist der Lage, es zu tun?“
Jeder von uns hat ein bestimmtes Selbstbild, eine bestimmte Identität. Alles, was für uns dazu gehört, bezeichnen wir als „Ich“. Alles, was nicht dazu gehört, ist „Nicht-Ich“. Definiere ich mich etwa besonders als eine „Helfende“, ist es wahrscheinlich, dass ich ständig für andere da bin und die „Für-Sich-Selbst-Sorgende“ nicht ein Teil meines Selbstbildes ist und so auch nicht gelebt wird. Sie ist ein „Nicht-Ich“.
Wenn jemand z. B. in sich die Überzeugung trägt „Meine Meinung zählt hier nicht.“ gibt es keinen Persönlichkeitsteil in ihm, der „selbstbewusst seine Meinung vertritt“. Dieser Teil gehört nicht zur eigenen Identität. Das Faszinierende dieses Prozesses ist nun, dass die Klienten im Laufe ihrer Selbsterforschung ihre Identität in Bezug auf das konkrete Problem verändern bzw. erweitern. Sie entdecken, dass sie auch ein „Selbstbestimmter“ sind. Und sie wissen dann auch ohne weitere Hinweise von außen mit erstaunlicher Klarheit und Kreativität, was konkret zu tun ist.
5. Ein Paarkonflikt ist letztlich immer ein innerer Konflikt.
In einer Krise der Partnerschaft sehen wir meistens die Hauptverantwortung zunächst beim Partner. Wenn wir etwas genauer hinschauen, erkennen wir, dass beide zum Konflikt beitragen und durch ihre Interaktion den Konflikt verschärfen. Und schließlich wird klar, dass das eigentliche Problem darin liegt, dass wir uns selbst nicht die „volle, freudvolle In-Besitznahme aller menschlichen Bedürfnisse“ (Miki Kashtan) als natürliches Recht unseres Lebens zugestehen. Anders ausgedrückt: ein Teil diese grundlegenden Bedürfnisse gehört – oft lange unbewusst – nicht zu meiner Identität.
Ein Problem entsteht für uns erst, wenn Bedürfnisse bzw. Persönlichkeitsteile, die bisher zum „Nicht-Ich“ gehören, doch in unser Leben drängen. Sich immer anzupassen ist nur dann ein Problem, wenn in uns jemand auch das Gegenteil leben will. Alleine zu leben ist nur dann ein Problem, wenn da jemand in uns ist, der sich Gemeinschaft wünscht.
Wenn wir uns alle grundlegenden Bedürfnisse ganz selbstverständlich zugestehen könnten, sie also als „Ich“ ansehen würden, könnten wir sie in aller Ruhe unserem Partner mitteilen. Wir könnten ohne jedes Drama, ganz gelassen und klar, darüber reden – und auch die Bedürfnisse des Partners sehen und wertschätzen.
In diesem tiefen Kontakt mit mir selbst ist kein Konflikt mit dem Partner im Sinne einer aggressiven Konfrontation mehr möglich. Bei verschiedenen Bedürfnissen kann es höchstens zu so etwas wie einer Ratlosigkeit oder Traurigkeit zwischen den Partnern kommen.
Und wie geht es weiter?
Das Erleben einer echten Verbindung – oft nach langer Zeit – ist für die Partner ein sehr beglückendes Gefühl. Beide haben wieder einen authentischen Kontakt zu sich selbst und zueinander gefunden. Doch dieser neue Kontakt droht im Stress des Alltags wieder durch alte Muster in den Hintergrund gedrängt zu werden.
Deshalb ist es notwendig, den wertschätzenden Umgang miteinander weiter zu stärken und ganz konkret anhand von schwierigen Situationen zu üben, wie beide Partner jetzt gut miteinander reden können und zu konkreten Problemlösungen kommen. Hierbei werden in der Beratung auch verschiedene Techniken der Kommunikation, wie in „Ich-Botschaften reden“ oder „einfühlsam zuhören“, bewusst geübt.
Nach vier Sitzungen und acht intensiven Stunden haben die Partner ihre individuelle sowie die Paaridentität in Bezug auf ihr Problem verändert und neue Verhaltensmöglichkeiten erprobt. Sind beide Partner bereit, sich im Alltag zu bemühen und zugleich nachsichtig mit „Rückfällen“ zu sein, stehen die Chancen jetzt gut, dass sie im Alltag anders präsent sein können und wieder mit Freude und Wohlwollen miteinander umgehen.
Und falls das Paar nach einiger Zeit Fortschritte macht, aber dennoch immer wieder in alten Mustern „festhängt“, besteht bei uns auch die Möglichkeit einer Vertiefung oder Auffrischung in Form eines (Online-)Beratungstages mit einer oder zwei Sitzungen.
Auch eine Trennung ist möglich.
Endet jetzt jeder Beratungsprozess mit einem Happy-End? Nein, und das ist auch nicht das Ziel. Es kann den Partner sehr wohl im Verlauf der Beratung klar werden, dass bestimmte unterschiedliche Bedürfnisse jetzt so dominant sind und nach Erfüllung im Außen streben, dass es keine gemeinsame Zukunft gibt. So möchte z. B. der Mann jetzt eine Familie gründen und die Frau jetzt alleine auf Weltreise gehen und sich selbst finden.
Diese Erkenntnis mag traurig machen und schmerzhaft sein, aber durch das gegenseitige gefühlte Verstehen und das Erkennen, dass die Wünsche nicht gegen mich als Mensch gerichtet sind, ist doch ein wertschätzender und friedvoller Umgang miteinander in der Folgezeit möglich.

